HINTERGRUND

«Die Schokoladeforschung befindet sich in der Blütezeit»

Prof. Dr. Mark Fox, Zentrum für integrative Gastroenterelogie, Klinik Arlesheim
Prof. Dr. Mark Fox, Zentrum für integrative Gastroenterelogie, Klinik Arlesheim
Christian Steiner
Autor espritchocolat.ch

Der Gastroenterologe Prof. Mark Fox hat erstmals in einer klinischen Studie die günstigen Wirkungen von dunkler Schokolade auf die menschliche Verdauung untersucht. Ihr Augenmerk legten Fox und seine Kollegin Anne Christin Meyer-Gerspach insbesondere auf Effekte von dunkler Schokolade auf den Magen und Darm. Erstaunliche Vorgänge haben sie jedoch auch im Gehirn der Probanden entdeckt. Studienleiter Fox erklärt im Interview wie es dazu kam und verrät, wie er seine «Schoggi-Forschung» weiterführen möchte.

 

Klinische Studie

«The effect of cocoa on the brain and the gut in healthy subjects: a randomized controlled trial»

 

Forschungsleiter:         Prof. Dr. Mark Fox, Zentrum für integrative Gastroenterelogie, Klinik Arlesheim;

                                     Dr. sc. nat. Anne Christin Meyer-Gerspach, St. Clara Forschung AG, Basel

Veröffentlichung:          British Journal of Nutrition; 2018

Dauer:                          2x pro Woche «cross-over» Studie mit Untersuchungen der Magen-Darm und Gehirnfunktion
                                     während 5 Tagen

Probanden:                  16 gesunde Freiwillige

Tagesdosis:                 1 Tafel dunkle Schokolade (70% Kakaoanteil) oder 1 Tafel weisse Schokolade (0% Kakaoanteil)

Beobachtungen:          - Signifikante Verlangsamung des Dickdarms

                                    - Erhöhte Aktivität vor allem im visuellen Kortex des Gehirns

 

Herr Prof. Fox, Sie sind Gastroenterologe und befassen sich im beruflichen Alltag mit Erkrankungen des Verdauungsapparats. Wie kamen Sie nun dazu, in Ihrer Studie die Effekte von Schokolade auf unsere Gesundheit zu untersuchen?

Es gibt viele Hinweise darauf, dass Schokolade positive Effekte auf den Metabolismus, die Verdauung und die Gesundheit hat. Wir befinden uns in der Blütezeit der Schokoladeforschung: Diverse epidemiologische Studien schreiben einem regelmässigen Konsum von dunkler Schokolade eine günstige Wirkung bezüglich der Risiken von Diabetes, Herz-Erkrankungen oder Demenz zu. Ein kleines Stück Schokolade gilt seit jeher als altes Hausmittel, um den Darm zu beruhigen. Und: Wir glauben, dass Schokolade glücklich macht. Das alles wurde jedoch noch nie klinisch untersucht.

 

Ihr Antrieb war also, die vielen vermeintlich positiven Effekte der Schokolade klinisch zu bestätigen?

Ja, aber nicht nur. Ich bin spezialisiert auf den Einfluss der Ernährung auf den Magen-Darm und habe bereits mehrere Studien bezüglich deren Wirkung auf unseren Körper, insbesondere die Verdauung, gemacht. Ich finde es ganz wichtig, dass man zur Behandlung der Patienten auch mal ganz einfache Dinge – wie eben die Ernährung - betrachtet, und nicht nur «starke Medikamente» einsetzt. Jetzt war für uns der richtige Moment, eine eigene klinische Studie durchzuführen, um dem nachzugehen.

 

Sie wollten es also genau wissen?

Epidemiologische Studien in diesem Bereich werden mit Fragebogen in der Allgemeinbevölkerung durchgeführt und sind in ihrer Natur immer etwas ungenau. Ich bin klinischer Forscher und führe Studien direkt mit dem Menschen durch. Es ist meine Aufgabe, solche Hinweise klinisch zu untersuchen und genauer zu erklären. Schliesslich wollen wir die Wirkungsweise besser verstehen und herausfinden wer schlussendlich davon profitieren könnte.

 

Wie sind Sie in Ihrer Studie konkret vorgegangen?

Unsere Probanden mussten während einer Woche jeden Tag 100 Gramm – also eine Tafel – dunkle oder weisse Schokolade einnehmen und mehrmals für verschiedene Untersuchungen ins Spital kommen. Dabei ging es nicht nur um Magen-Darm-Untersuchungen. In der Hoffnung Auswirkungen auf das Gehirn nachweisen zu können haben wir in Zusammenwirkung mit PD Dr. Freimut Jüngling auch ein Gehirn-Imaging gemacht. Es ist uns gelungen, eine wirklich vollumfängliche Messung der Magen-Darm- und Gehirnfunktion unseren Probanden zu erzielen.

 

Die klinische Studie hört sich für die Probanden relativ aufwendig an. Wer nahm an der Studie teil?

Normalerweise ist es schwierig, genügend Leute für eine Studie zu finden. Diesmal nicht: Weil es um Schokolade ging haben sich 200 Personen für 16 Positionen angemeldet. Wir haben nur gesunde Probanden für die Studie zugelassen. Es stimmt: Die Studie war aufwendig und entsprechend kostenintensiv. An dieser Stelle möchte ich Chocosuisse und Laboratoire Viollier für die Finanzierung dieser Studie und auch Chocolat Frey für die Bereitstellung der dunklen und weissen Schokoladetafeln danken.

 

Zu welchen Ergebnissen sind Sie gekommen?

Einerseits haben wir in der Studie festgestellt, dass sich der Darm bei der regelmässigen Einnahme von dunkler Schokolade tatsächlich signifikant aber auf sanfte Art und Weise verlangsamt hat. Im Weiteren konnten wir einen unerwarteten Effekt auf das Gehirn dokumentieren. 

 

Sie konnten also eine günstige Wirkung von dunkler Schokolade auf den Verdauungsapparat festhalten. Können Sie nun Rückschlüsse auf ihre eigenen Patienten ziehen? Wer profitiert davon?

Patienten mit einem zu schnellen Darmtransit könnten von so etwas profitieren. Menschen also, die eher unter Durchfall leiden. Den Effekt, welchen wir gesehen haben ist relativ bescheiden, aber dies ist nicht negativ. Reizdarmpatienten mit Durchfall reagieren häufig schlecht auf starke Medikamente und gerade eine sanfte Stuhlregulation ist erwünscht. Spannend ist, dass wir keine Wirkung auf Magen oder Dünndarm, sondern nur auf den Dickdarm beobachtet haben. Dies könnte bedeuten, dass die Wirkung von Schokolade durch die «guten Bakterien» im Dickdarm vermittelt wird. Dies wird besonders interessant, da es immer mehr Beweise dafür gibt, dass das «Mikrobiom» des Verdauungstraktes die Gesundheit und sogar das psychische Wohlbefinden beeinflusst.

 

Würden Sie nun Ihren Patienten empfehlen, Schokolade zur Behandlung ihrer Magen-Darm-Probleme einzunehmen?

Es ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht ganz einfach, Schokolade als medizinische Therapie zu empfehlen. Denn Zucker und gewisse weniger gesunde Fette wie Palmfett - beide kommen in hohem Gehalt in der Schokolade vor - sind für den Metabolismus eher ungünstig. Sie können sogar Magen-Darm-Probleme verursachen. Umso erstaunlicher ist es, dass Schokolade nun in dieser wie auch schon in vorangegangenen epidemiologischen Studien solch interessante Ergebnisse hervorbrachte.

 

Konnten Sie die Frage aller Fragen klären: Macht Schokolade glücklich?

Schokolade macht glücklich, irgendwie. Doch dies gilt vermutlich für alle «leckeren» Nahrungsmittel. Vor der Studie hätten wir gedacht, eine Wirkung im limbischen System des Gehirns zu identifizieren. Allerdings war dieser Teil des Gehirns, welcher für Emotionen und Glücksgefühle verantwortlich ist, während des Konsums von dunkler Schokolade nicht aussergewöhnlich aktiv. Wir konnten in der Studie also keinen nachweisbaren antidepressiven Effekt von Schokolade feststellen. 

Interessant hingegen ist, dass wir im Hinterkopf - dem sogenannten visuellen Kortex - unerwartet doch etwas gesehen haben. Kakao hat also tatsächlich einen nachweisbaren Effekt auf die Gehirnfunktion. Wir haben in unserer Forschung nicht mit diesem Resultat gerechnet. Trotzdem ist das nicht ganz neu: Psychologen haben gezeigt, dass Schokolade hilft, Dinge schneller zu erkennen und gewisse visuelle Aufgaben besser zu erledigen. Interessanterweise erhielten die Fluglotsen im zweiten Weltkrieg wertvolle Schokolade, weil ihre Vorgesetzen glaubten, dass ihnen dies half, gegnerische Flugzeuge schneller zu identifizieren.

 

Wie geht es jetzt weiter? Planen Sie bereits weitere Studien, welche Schokolade involvieren? 

Tatsächlich kommen wir jetzt in die zweite Runde. Da wir einen signifikanten positiven Effekt entdeckt haben mussten wir uns die Frage stellen, was wir tun müssten, um Schokolade in der Medizin tatsächlich anwenden zu können. Eine Möglichkeit dafür sehen wir in der Dosierung. In einer weiteren Studie wird es nun darum gehen, zu überprüfen ob die günstigen Wirkungen bei höherer Konzentration stärker werden oder ob tatsächlich auch eine geringere Menge reichen würde.

 

Würden die gesundheitsschädlichen Stoffe der Schokolade (Fett, Zucker etc.) bei einer noch höheren Dosierung nicht irgendwann dominieren?

Mehr als eine Tafel Schokolade pro Tag zu essen wäre nicht zielführend. Allerdings ist das vielleicht auch gar nicht nötig. Mit Prof. Tilo Hühn (ZHAW) und «Oro de Cacao» (Chocolat Dieter Meier) haben wir jedoch potenzielle Partner gefunden, mit welchen wir in Zukunft eine «Schokolade-Essenz» kreieren möchten. Jener Teil der Kakaobohne nämlich, welcher wirklich eine biologische Wirkung hat, ist relativ klein. Theoretisch ist es nun möglich, ein Konzentrat zu produzieren. Vielleicht hätten wir damit ein Mittel, welches nicht nur einen guten Effekt auf den Magen-Darm hätte, sondern auch eine generell positive Wirkung auf den Metabolismus. 

In einer nächsten Studie wäre zudem denkbar, als Probanden z.B. Patienten mit einer Frühform von Diabetes oder Reizdarmsyndrom einzusetzen, um die Wirkung vielleicht noch deutlicher zu sehen. Das ist aktuell jedoch noch Zukunftsmusik.

 

Denken Sie, eine solche Schokolade-Essenz hätte bei Patienten eine Chance?

Viele Patienten mit Reizdarmsyndrom sind jung und wollen lieber keine pharmakologischen Produkte schlucken, wenn sie nicht unbedingt müssen. Solche Patienten sind viel glücklicher, wenn wir sie auf natürliche Art und Weise behandeln können. Sollten wir ein «Schoggiprodukt» gestalten können, welches diese Zwecke erfüllt, wäre dies eine «Win-Win-Situation».

Prof. Dr. Mark Fox, Zentrum für integrative Gastroenterelogie, Klinik Arlesheim
Prof. Dr. Mark Fox, Zentrum für integrative Gastroenterelogie, Klinik Arlesheim

Mögen Sie persönlich Schokolade?

Ja, sehr. Ich bin gebürtiger Engländer, aber meine Mutter ist Schweizerin. Manchmal ist es vorgekommen, dass wir nur Schokolade und Brot gegessen haben, wenn meine Mutter keine Lust hatte zu kochen. Jetzt habe ich drei Kinder und die sind alle ganz wild auf Schokolade.

Macht Sie Schokolade glücklich?

Natürlich. Aber möglicherweise auch dick. (lacht)